Nachdenklich sein

Vor einem Monat habe ich meinen letzten Blog geschrieben. Danach überfiel mich eine lähmende Frühjahrsmüdigkeit, mein Ellbogen schmerzte beim Griff nach der Milchtüte im Kühlregal, meine Finger erstarrten, mein Rücken fand es plötzlich gar nicht mehr lustig, am Küchentisch zu stehen …  Streik komplett. Und in meinem Kopf breitete sich ein neuer Virus aus: „Welchen Sinn macht es eigentlich, dass ich übers Kochen und Essen“ blogge? Wen interessiert das schon, angesichts der unzähligen Verstösse gegen die Menschenrechte, der Hungersnot, der Umweltkatastrophen, der überfischten Meere? Diese Liste könnte ich endlos weiterführen.

Angestossen wurde dieses Hinterfragen meines Tuns durch eine Reportage über den Dok-Film „Forbidden Voices“ der Schweizer Regisseurin Barbara Miller. Sie berichtet von drei couragierten Bloggerinnen aus Kuba, dem Iran und China, die unter der Bedrohung ihres Lebens mit Hilfe von Social Medias auf die Misstände in ihren Ländern aufmerksam machen. Welche immense Diskrepanz doch zwischen der Freude an den ersten einheimischen Spargeln auf dem Markt und den Berichten über das brutale Vorgehen gegen politische Demonstranten liegt!

Die Frage nach dem warum und für wen hat sich schon Eline vom Küchentanz vor einigen Wochen gestellt und sich eine Blogging-Auszeit gegönnt. Das Leben ist gross und vielfältig, das Spektrum unendlich. Eine abschliessende Antwort auf meine Sinnfrage habe ich (noch) nicht gefunden. Doch hat sie mich dazu angeregt, dem Tun mehr Achtsamkeit zu schenken. Und für das Privileg, auf einem Markt gemütlich und sicher frische Spargeln kaufen zu können, empfinde ich tiefe Dankbarkeit.

Es ist nun schon wieder eine Weile her, dass ich gemeinsam mit Freunden für einen runden Geburtstag gekocht habe. Das Küchenteam kennt sich vom mittwochabendlichen Gyro-Kinesis-Training. Keine kann mehr sagen, seit wann genau wir jeden Mittwoch unsere Glieder, Sehnen, Muskeln und Nervenstränge unter der aufmerksamen Anleitung von F. dehnen und stärken. Manche von uns kostet es immer mal wieder Überwindung hinzugehen, doch die Gruppendynamik hilft und verpflichtet zugleich. Ein guter Trick! Und so gehören die meditativen Umrundungen der liegenden 8 fest in unseren Wochenplan.

30 Jahre junge Jahre galt es zu feiern. Und obwohl wir noch nie in dieser Zusammensetzung gekocht haben, wagten wir uns frischen Mutes daran. Das Menu war schnell und unkompliziert zusammengestellt, das Einkaufen wurde aufgeteilt.

Die Wettergöttin war uns wohl gesonnen und der Auftakt machte wie geplant ein Apéro-Picknick am See. Dazu backte N. eine Kartoffel-Pizza: Ein Blech mit Pizza-Teig auslegen, die geschälten Kartoffeln mit dem Sparschäler in dünne Streifen schneiden und dicht auf dem Blech verteilen. Ein Blauschimmel-Käse wird lose darüber verteilt, Salz braucht’s daher keines mehr aber etwas Pfeffer kann nicht schaden. Zum Schluss wird alles mit einem feinen Trüffel-Öl beträufelt und in den Backofen geschoben (220° C, ca. 20 Minuten).

Da wir leicht am Saisonkalender vorbei geplant hatten, wurde das Erbsensüpplein mit Milchschaumhäubchen ausnahmsweise mit tiefgefrorenen Erbsen gemacht. Immerhin solche, die in unserer Region gewachsen und verarbeitet worden waren …

Zum Hauptgang gab es Felchenfilets aus dem nahen Sempachersee auf fein geschnittenem Fenchel, gewürzt mit Salz und Pfeffer, Zitronenzesten und mit etwas Weisswein begossen. Als Beilage servierten wir frische grüne Spargeln und Kartoffeln mit Petersilien-Schnee, alles aus der Region.

Zum guten Schluss kamen auch die Bauchmuskeln nicht zu kurz kommen :-) Ein Schokoladen-Schiffchen mit einem lauwarmen Erdbeeren-Coulis, frischer Minze und einem Stiefmütterchen für’s Auge. Es war ein schöner Abend! Wir haben viel gelacht, diskutiert, erzählt, uns von anderen Seiten kennen gelernt. Und im Verlaufe des Abends, da fiel uns irgendwann auf, dass fast alle unsere Zutaten, vom Wein über das Gemüse bis zum Fisch aus nächster Nähe oder immerhin aus der Schweiz kommen. Die internationale Note steuerte ein schottischer Whisky bei. Und wir freuten uns gemeinsam darüber, dass wir nachhaltig gut gekocht und gespiesen haben, und mit einem warmen Gefühl im Herzen spät nachts nach Hause gehen konnten.

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6 Gedanken zu “Nachdenklich sein

  1. wenn ich doch auch wiedermal 30 sein könnte…. nur wegen des Menüs. Liebe Kochfrau, einen bedenkenswerten Einstieg, den du für deinen Blog gewählt hast. ich freue mich auf deine nächsten Einsichten.

  2. Welchen Sinn das Bloggen übers Kochen und Essen macht ? Schwer zu sagen, ob es überhaupt Sinn macht. Gelesen werden diese Tag für Tag im deutschen Sprachraum etwa 500 publizierten Rezepte kaum oder nur von Wenigen. Ich denke, man tut das eher für sich, als Ablage, als Halt im Leben, aus Freude am Schreiben, Kochen und Fotografieren, als Zeitvertreib.

    1. .. da hast du wohl recht, bis auf die Leser-Zahlen, 20 und mehr Kommentare bei deinen Einträgen sind doch schon beachtlich. Food-Bloggen zum reine Selbstzweck also?

  3. Verena,
    die Sinnfrage stelle ich mir seit meinem ersten Post und kann keine zufriedenstellende Antwort finden.
    An manchen Tagen freue ich mich riesig über ein gelungenes Foto oder Rezept und dann wieder finde ich es völlig belanglos ob ich nun ein Spaghettigericht verblogge oder nicht.

    Mehr als ein Hobby kann so ein Blog nicht sein. Wirklich wichtig sind andere Dinge!

    1. Da gebe ich dir recht: wirklich wichtig sind andere Dinge. Bloggen beansprucht einiges an Zeit; manchmal hilft es mir, mich auf das Entscheidende im Leben zu besinnen und dafür verzichte ich dann gerne auf einen dichteren Blog-Zyklus.

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