Reisen mit dem „Rüsterli“ in der Hand

Fava-Bohnen – sie wollen, dass wir uns Zeit für sie nehmen. Erst müssen sie aus ihrer langen Schote gekickt werden, dann ein paar Minuten in Salzwasser blanchiert, dann wollen sie in Eiswasser eingetaucht werden, dann sorgfältig aus ihrem dünnen Mantel heraus geschält sein – und nun kann man mit der eigentlichen Zubereitung beginnen. Da bleibt einem mal wieder schön Zeit den Gedanken nachzuhängen …


Während ich also Fava-Bohne um Fava-Bohne aus ihrer Schote kicke und ihre kunstvolle Aufhängevorrichtung bewundere, erinnere ich mich plötzlich wieder an meine erste Begegnung mit der schönen Fava. Es war in Vancouver, an einem angenehm warmen Sommertag. Ich steckte im nicht sehr kleidsamen doch ungemein praktischen „Chefs-White“: Checkerboard-Pants, weisse Küchenjacke, doppelreihig geknöpft, blaues Halstuch, eng gebunden und weisse Mütze auf dem Kopf. Auf der Kücheninsel, gut ausgeleuchtet, präsentierten sich mir die grossen grünen Schoten in ihrer matten Pracht. Nun gut, es war nicht Liebe auf den ersten Blick, jedoch auf den ersten Biss – und ich bin „meiner“ Fava bis heute treu geblieben.

Jeden Sommer halte ich auf dem Markt Ausschau nach ihr: Bei uns scheinen sie immer noch eine Rarität zu sein. Wohl wegen dem beträchtlichen Arbeitsaufwand, den sie einem vor ihrem Verzehr abverlangen? In Italien bekäme man Fava-Bohnen in allen möglichen Zuständen, getrocknet, in Olivenöl eingelegt aber auch frisch als Paste oder ganz oder …  Schade nur, kann ich nicht einfach schnell im Süden über den Markt bummeln. Mein Aufruf an alle Gemüsebäuerinnen und – bauern: Pflanzt Fava-Bohnen!

Während ich also Schote um Schote öffne, das Wasser sprudelnd aufkochen lasse, die Bohnen hinein schütte, sie nach zwei Minuten wieder heraus fische, ihnen das kühle Bad gönnen mag bevor sie schliesslich ihr helles Gewand ablegen müssen und sich im kräftigen Grün präsentieren dürfen, währenddessen fallen mir nach und nach weitere „erste Begegnungen“ ein:

  • Frischer Lobster an der Küste von Maine. Selbst im Bassin ausgesucht und frisch zubereitet direkt am Meer mit dem Geruch des Salzwassers in der Nase verzehrt.
  • Die beste, saftigste und zarteste Fegato alla veneziana in Perugia zu meinem 30. lange her :-)
  • Frische Krabben in Vancouver, beim Fischhändler abgeholt – noch lebend in der Tüte … Eine Herausforderung der besonderen Art, die sich lohnte.
  • Vietnamesischer Kaffee in San Francisco. Stark und süss.
  • Mein erster selbst gekochter Pulpo – noch gar nicht so lange her.
  • Ein italienisches Ostermahl – das nie zu enden schien und nur dank eines starken Grappa zu verdauen war, in der Nähe von Florenz.
  • Frische Trüffel auf ebenso frischen Linguine – von einem freundlichen Koch in Spoleto für die „Straniera“ gemacht, die alleine essen musste .
  • Fish and Chips aus der Tüte, in Lands End. Die Möwen waren schneller …
  • Meine erste selbst gezogene Rande. Gepflanzt im Garten einer Freundin und trotz Vernachlässigung meinerseits, grossartig geworden.

Die Geschmacksnerven auf der Zunge sind aktiviert und wollen endlich neue Erinnerungen speichern. Das Ende der Fava-Bohnen ist für einmal schnell erzählt: Frische Pfefferminze fein hacken, mit den noch lauwarmen Fava-Bohnen, Meersalz und Olivenöl mit einem Spritzer Zitronensaft mischen. Einen Teil mit Geisskäse (oder einem anderen Frischkäse) mischen, einen Teil des Geisskäse mit frisch gehackten Kräutern vermengen, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Brot mit Olivenöl einpinseln, im Ofen toasten und dann mit je einem Quenelle der drei verschiedenen Mischungen belegen. Bon appétit!

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7 Gedanken zu “Reisen mit dem „Rüsterli“ in der Hand

  1. Wunderschön, deine ersten Treffen. Hat zwei Wirkungen auf mich: bekomme Hunger und will weg. Zum Glück kann ich beide Bedürfnisse bald stillen. Und du wirst sogar dabei helfen….:-) ich freue mich

    1. … genauso ging es mir beim rüsten: das bedürfnis einen koffer zu packen war sehr gross:-) bald gibt’s zum glück eine echte gelegenheit dafür.

  2. Liebe Kochfrau
    Du bist dir nicht mehr sicher, ob du dir überhaupt den ganzen Aufwand mit der Bloggerei antun sollst. Ich lese deinen Blog öfters, aber nicht regelmässig. Ich habe keine Blogs abonniert und bin auch keine Bloggerin, aber ich liebe Kochblogs. Von Zahlen wie Robert sie bekommt, kann man nur träumen. Du hast wahrscheinlich öfters das Gefühl, das liest ja eh kein Schwein (kein Schwein ruft mich an). Ich mag deinen Blog, gerade weil er auch nachdenklich ist. Wie du dich entscheidest, bleibt dir überlassen. Ich sollte vielleicht öfters einen Kommentar hinterlassen, damit du weisst, es gibt Menschen, die sich für deine Kocherei interessieren.
    Liebe Grüssse
    Frau A. vom Bodensee

    1. liebe frau a. vom bodensee, vielen dank für deine zeilen. manchmal denke ich schon, dass meinen blog kaum jemanden liest. umso mehr freut es mich, von einer „stamm“-leserin zu hören. im moment stehe ich kaum in meiner küche, weil viel zu warm zum kochen. und meine geschichten oder gedanken brauchen meist etwas zeit vom aussäen bis zur ernte. aber … ich bleibe dran.
      herzliche grüsse vom vierwaldstättersee

  3. Nachtrag: es sind nicht so sehr die Rezepte, als vielmehr die Geschichten rund um das Rezept, die mich begeistern. Ich bin alleine in meinem Haushalt und viel zu Kochen gibt es nicht. Allerdings koche ich auch für mich alleine und verwende keine convenience Produkte Inspirationen hole ich mir immer von euch Foodbloggern. Foodblogs nur mit Rezepten langweilen mich und ich genauso gut in einem Kochbuch nachsehen.

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